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AK Spurensuche am MTGDas Leben der Marianne Weil und ihrer jüdischen Mitschülerinnen
Das Maria-Theresia-Gymnasium ist inzwischen mehr als 100 Jahre alt. Unsere Schule ist wichtiger Teil der Augsburger Stadtgeschichte, stand immer allen Konfessionen offen und betreute schon in den ersten Jahrzehnten viele Mädchen aus hochangesehenen Familien Augsburgs. Die jüngere Generation stellt wieder Fragen nach der Zeit des Nationalsozialismus. Zeitzeugen sind kaum mehr am Leben, also war es höchste Zeit aktiv zu werden. In Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern wurde schnell klar, wie unmittelbar das Gefühl ist, wenn etwas in unserer Nähe passiert: Stell dir vor, eines Tages ist der Stuhl neben dir leer. |
Aus Namen werden Schicksale
Ausstellung am Maria-Theresia-Gymnasium über die Biographien jüdischer Schülerinnen Von unserer Mitarbeiterin Gerlinde Knoller Es ist nur eine alte Schreibmaschine. Darin eingespannt ein meterlanger Bogen Papier. Er muss so groß sein, so lang. Denn darauf sind fast 200 Namen verzeichnet - dazu ein paar Daten. Genau genommen sind es 197 Namen von jüdischen Mädchen, die gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts das Augsburger Maria-Theresia-Gymnasium besucht haben und mitten hinein in die Mord-Maschinerie der Nazis gerieten. Manche wurden "nur" zur Emigration gezwungen, andere ermordet. "Es dauerte 50 Jahre, bis man anfing zu fragen. Es dauerte zwei Generationen, bis die Leute sich trauten, Fragen zu stellen." Schüler des Maria-Theresia-Gymnasiums haben Anita Lasker-Wallfisch, Cellistin im Mädchenorchester von Auschwitz-Birkenau, von der dieses Zitat stammt, beim Wort genommen: Sie fragten nach den 197. Das Ergebnis dieser Recherchen ist nun in einer Ausstellung am Gymnasium zu sehen. "Spurensuche" heißt die Projektgruppe aus Schülern und Lehrern, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den ehemaligen jüdischen Schülerinnen, die von 1892 bis 1938 an der Maria-Theresia-Schule waren, ihre Biografien wiederzugeben. Seit dieser Woche ist die Ausstellung im Kollegstufengebäude des Gymnasiums zu sehen.Beispielhaft ist die Lebensgeschichte eines Mädchens hervorgehoben: die von Marianne Weil. Rot umrahmt sind in der Ausstellung die Passagen, die von diesem Mädchen erzählen. So erfährt der Besucher, dass Marianne Weil, geboren 1922, im Schuljahr 1937/38 das einzige Spurensuche in der Klasse "L VI." war. Und dass sie gemäß eines Ministerialerlasses 1935 an einem Landheimaufenthalt nicht teilnehmen durfte. Dieses Detail macht begreifbar, dass der Terror der Nazis auch aus vielen kleinen Gemeinheiten bestand. 1938 erwarb Marianne Weil dennoch den Lyzeumsabschluss. Bis 1940 studierte sie an der Kunstschule der Stadt Graphik und wurde dann ausgeschlossen. Einige Holz- und Scherenschnitte und Aquarelle von Marianne Weil sind in der Ausstellung zu sehen. Die junge Frau arbeitete von nun an als Vorarbeiterin in der Ballonfabrik Augsburg. Mit Mutter und Schwester wurde sie aus ihrer Wohnung am Klinkerberg vertrieben und musste in ein "Judenhaus" in der Hallstraße ziehen - beide Häuser sind auf Fotos zu sehen. Im März 1943 wurden Marianne, ihre Schwester Gertrud und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert. Gertrud starb an Typhus, Marianne und ihre Mutter wurden 1946 für tot erklärt. Der Bruder, Arie Weil, hat überlebt. Zur Ausstellungseröffnung ist er eigens aus Kiryat Haim, einem Vorort von Haifa, nach Augsburg gereist. Mit 14 Jahren, 1939, konnte er nach Palästina auswandern. "Ich bin der Bruder", sagt er, nachdem er ans Rednerpult getreten ist. Und er erzählt, wie die Mutter ihm beim Abschied gesagt habe: "Einer soll sich retten. Er soll rausgehen und erzählen, wer die Familie Weil war." "Das Leben war sehr schwer", meint Arie Weil, "aber das Schicksal wollte es so." Das Schicksal von Marianne Weil wird in dieser Ausstellung eingereiht in das Schicksal so vieler Mädchen. Chronologisch, von 1933 bis 1945, hat die Projektgruppe Quellen gesammelt, die das Geschehen der Zeit und das Schulleben dokumentieren: Fotos, Zeitungsausschnitte, Verordnungen, Prüfungsaufgaben, Erzählungen von Zeitzeugen. "Wir spürten schnell, wie greifbar und präsent Geschichte ist", schaut Projektleiter Peter Wolf zurück. "Das betrifft mich persönlich", begründet die Schülerin Sofia Dratva, die inzwischen am Maria-Theresia-Gymnasium ihr Abitur gemacht hat und aus der siebenköpfigen Schülergruppe stammt, ihr Engagement bei diesem Geschichtsprojekt.Sie selbst ist Jüdin. Ihre Urgroßeltern sind in der Ukraine von den Nazis ermordet worden. Bildungsreferent Sieghard Schramm würdigte es, "dass mehr als 60 Jahre nach Beendigung des Nationalsozialismus diese Zeit auch bei jungen Menschen nicht in Vergessenheit geraten ist". Die Schauspielerin Karla Andrä trug den bewegenden "Brief aus Theresienstadt" der Schülerinnenmutter Sophie Rosenfelder vor. Musik aus Theresienstadt spielte bei der Feierstunde das Augsburger Streichquartett. |